Studentenstadt Heidelberg, von den rund 160.000 Einwohner gibt es ca. 39.000 Studierende. Die Universität prägt nicht nur das Stadtbild, sondern ebenso das Umland.

Es liegt also nahe, sich für die Zeit nach der Schule nicht nur über Ausbildungen, sondern auch über ein Studium zu informieren.
Vergleicht man beide Optionen wird einem schnell klar: Eine Ausbildung wird vergütet während man beim Studium ohne eigenes Einkommen dasteht.
Aus Angst, den Eltern zur Last zu fallen, entscheiden sich viele gegen ein Studium. Nur 29% sogenannte „Arbeiterkinder“, also Kinder deren Eltern keinen akademischen Abschluss haben, besuchen eine Hochschule (Quelle: DZHW).

Vor diesem Hintergrund haben wir das Studierendenwerk in Heidelberg besucht, um gängige Mythen und Missverständnisse aus dem Weg zu räumen.
Wir sprachen dabei mit Manuel Renz, Abteilungsleiter der Studienfinanzierung, er ist hauptsächlich für BAföG zuständig und Martina Kokott, sie ist zuständig sobald kein BAföG ausgezahlt werden kann und kennt sich mit Stipendien, Krediten etc. aus.

Von links nach rechts: Manuel Renz, Martina Kokott, Julia Döring und Angela Maidhof

Welche Möglichkeiten gibt es grundsätzlich zur Finanzierung eines Studiums?
Studienfinanzierung kommt selten aus einem Topf. Das Studium lässt sich entweder aus eigenen Mitteln, dazu zählen z.B. Einkommen durch Nebenjobs oder Vermögen, durch die Eltern bzw. andere Familienmitglieder, Teil- oder Vollstipendien, BAföG, Studienkredite und kurzfristige Hilfen in Notfällen und zur Überbrückung finanzieren.

Wer sind die Ansprechpartner, wenn ich mich informieren möchte?
Neben verschiedenen Informationsveranstaltungen an den Hochschulen kann man sich bezüglich BAföG oder Studienkredit auch an das jeweilige Studierendenwerk am Hochschulort wenden. Es gibt z.B. Infotheken und eine Hotline für allgemeine Fragen, sowie persönliche Sprechstunden bei SachbearbeiterInnen.

Kann man sich jederzeit auf BAföG bewerben?
Ja, einen Antrag kann man jederzeit stellen. Umso früher eine Bewerbung eingeht, desto schneller kann diese jedoch bearbeitet werden. Daher sollte man 3 Monate vorm Studium anfangen seine Unterlagen zu einem BAföG-Amt zu schicken. Sollte man letztendlich doch an einer anderen Universität studieren, so können die Unterlagen einfach zum anderen BAföG-Amt weitergeleitet werden.

Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, um BAföG zu bekommen?
Man muss zwischen rechtlichen und rechnerischen Voraussetzungen unterscheiden. Grundsätzlich gilt: jeder der sich unsicher ist sollte sich beim Studierendenwerk über einen möglichen Anspruch informieren, da jeder Fall individuell ist.

Wann muss ich das BAföG zurückzahlen?
Bei BAföG handelt es sich nicht um einen Kredit im klassischen Sinn: eine Hälfte wird vom Staat bezuschusst und nur die andere Hälfte muss zinsfrei zurückbezahlt werden. Rückzahlungsbeginn dafür ist fünf Jahre nach Ende der Förderungshöchstdauer (die oft der Regelstudienzeit entspricht).

Gibt es Möglichkeiten diesen Betrag zu reduzieren? 
Die Rückzahlungssumme ist auf 10.010€ oder maximal 77 Monate begrenzt. Sofern man die Rückzahlung vorzeitig oder auf einmal betätigt, ist ein weiterer Nachlass möglich.

Bekomme ich weiterhin Kindergeld?
Ja, bis zum Erreichen der Altersgrenze, die i.d.R. bei 25 Jahren liegt. Im Vorausleistungsverfahren wird das Kindergeld allerdings auf den BAföG-Betrag angerechnet, sobald man es selbst ausgezahlt bekommt.

Was kann ich tun, wenn meine Eltern mir keinen Unterhalt zahlen wollen?
Solange irgendeine Art von Kontakt besteht, sollte erstmal versucht werden die Unterhaltsansprüche einzufordern. Dazu kann man z.B. den Eltern eine schriftliche Aufforderung/Bitte mit einer Frist zukommen lassen, eine Kopie sollte dabei ebenfalls an das Studierendenwerk geschickt werden. Erhält man bis zum Fristende keine Rückmeldung, wird das Studierendenwerk tätig, als erstes erfolgt ebenfalls eine schriftliche Aufforderung. Eltern haben eine rechtliche Mitwirkungsverpflichtung. In solchen Fällen sollte man immer den Kontakt zum persönlichen Sachbearbeiter aufsuchen.

Wie hoch sind die Chancen auf ein Stipendium, wenn man nicht unbedingt durch seine Noten glänzt?
Grundsätzlich gilt: Engagement in allen möglichen Formen (z.B. Mitwirkung in einem Verein, Hausaufgabenbetreuung in der Schule, Ehrenamt im Tierheim, etc.) ist überall gerne gesehen! Es wird nicht immer nur nach Leistung und Noten ausgewählt. 

Des Weiteren gibt es viele kleine und spezielle Stipendien, auf die sich oft zu wenig Studierende bewerben und somit die Konkurrenz geringer ist, außerdem können oft nicht alle Fördermittel ausgezahlt werden. Um einen Überblick über die Vielzahl an Stiftungen zu bekommen, lohnt es sich einen Blick auf folgende Datenbanken zu werfen: www.stipendiumlotse.de; www.stipendiumplus.de; www.deutschlandstipendium.de

Außerdem können Empfehlungsschreiben von Lehrern positiven Einfluss auf die Bewerbung haben. Die Stiftung der deutschen Wirtschaft hat auch ein Schülerprogramm, dieses beinhaltet eine ideelle Förderung in Form von Vorträgen, Begleitprogrammen, Hilfe bei Bewerbungen, etc.

Ist es von Vorteil, wenn meine Eltern nicht studiert haben?
Dies ist nicht pauschalisierbar, es gibt bestimmte Stipendien, die sich vor allem an Nichtakademiker-Familien richten (z.B. Stiftung Begabtenförderung für berufliche Bildung oder die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung).

Wie viel darf ich neben dem Studium arbeiten? 
Bei einem Vollzeitstudium sind maximal 20 Stunden pro Woche erlaubt. Um weiterhin den vollen BAföG-Anspruch zu behalten, sollte man im Durchschnitt nicht mehr als 450€ pro Monat verdienen.

Wie lange kann ich einen Studienkredit bekommen und gibt es einen Höchstsatz?
Bei den staatlichen Krediten sind es maximal 14 Semester. Er ist i.d.R. nicht an die Regelstudienzeit gebunden.

Wie hoch sind die Zinsen bei einem Studienkredit?
Die Zinssätze sind variabel: z.B. beim kfW-Studienkredit sind es derzeit 3,95%, beim Bildungskredit 0,62%. 

Wie finde ich zum Semesterstart eine bezahlbare Wohnung bzw. WG?
Wichtig ist es sich frühzeitig umzuschauen und sich beim Studierendenwerk schon ca. ein halbes Jahr im Voraus für ein Studentenwohnheim zu bewerben. Alternativ sollte man sich auch bei anderen Trägern wie z.B. der Kirchen informieren. Des Weiteren gibt es den privaten Wohnungsmarkt, Plattformen wie WG-gesucht oder Zimmer69. Außerdem gibt eine private Wohnungsbörse des Studierendenwerks. Grundsätzlich gilt: es lohnt sich auf Zeitungsannoncen und auf schwarze Bretter der Uni zu achten.

Was, wenn ich noch keine Wohnung/Zimmer bis zum Vorlesungsbeginn gefunden habe?
Für solche Fälle gibt es Notunterkünfte vom Studierendenwerk. Ansonsten kann man z.B. kurzzeitig in Jugendherbergen unterkommen. Wichtig ist es offen zu sein, um mit dem Problem gut umgehen zu können.

Was kann ich tun, wenn ich meine Förderungen beantragt wurden, aber zum Semesterstart das notwendige Geld noch nicht vorliegt?
Für solche Fälle gibt es an der Uni Heidelberg ein Semesterbeitragsstipendium. Gerade am Anfang kommen sehr viele Kosten auf einen Studierenden zu: Einschreibegebühr, Semesterticket, Kaution für Zimmer/Wohnung, Literatur oder ein neuer Laptop. Sobald man weiß, dass es Engpässe geben könnte, sollte man sich frühzeitig beim Studierendenwerk beraten lassen. Das geht auch schon als Schüler. 

Wenn man bereits Hartz IV bekommen hat und BAföG nicht rechtzeitig gezahlt wird, gibt es auch die Möglichkeit, dass man zum Arbeitsamt zurück geht. Die haben alle Unterlagen und können darlehensweise Hartz IV weiterzahlen. Das Arbeitsamt stellt dann einfach einen Erstattungsantrag beim BAföG-Amt.

Was kann ich tun, wenn ich zum Ende meines Abschlusses keine finanzielle Unterstützung mehr bekomme, da ich nicht in Regelstudienzeit studiere?
Es gibt die Möglichkeit einer Anschlussfinanzierung, die einen im letzten Jahr unterstützt. Dabei handelt es sich um ein zinsloses Darlehen, welches man zurückzahlen muss. Es kann für den Bachelor und Master beantragt werden.

Wir von ROCK YOUR LIFE! Heidelberg e.V. bedanken uns ganz herzlich beim Studierendenwerk Heidelberg für das aufschlussreiche Gespräch.
Weitere Informationen können auf der Website (https://www.studentenwerk.uni-heidelberg.de/) nachgelesen werden.